Bound in Words
Biografen schenken

Eine Kostprobe des Handwerks

So ein Kapitel entsteht aus einem einzigen dreißigminĂŒtigen GesprĂ€ch. Sonntagmorgen erzĂ€hlt, Dienstag als Memoiren geliefert.

Drittes Kapitel

Der Winter, in dem der Fluss gefror

Die KĂ€lte kam frĂŒh in jenem Jahr, so wie schlechte Nachrichten kommen - leise, und dann mit einem Mal. Ich war neun Jahre alt, und der Fluss hinter unserem Haus, der durch jeden Sommer meiner Kindheit braun und geduldig geflossen war, hörte ganz auf, sich zu bewegen. Mein Vater stand mit seinem Kaffee am KĂŒchenfenster und sagte, an niemanden gerichtet, er habe ihn noch nie vor Weihnachten zufrieren sehen.

Am besten erinnere ich mich nicht an die KĂ€lte, sondern an ihren Klang - das Ächzen des Eises unter unseren Stiefeln, wie eine alte TĂŒr, die sich in einem Haus öffnet, in dem man nicht sein darf. Mein Bruder TomĂĄs ging zuerst, weil er immer zuerst ging, und ich folgte ihm, weil das meine Aufgabe war. Auf halbem Weg drehte er sich um, mit diesem Grinsen, das er sein Leben lang behielt, sogar Jahre spĂ€ter im Krankenhaus, und rief: Siehst du? Die Welt trĂ€gt dich, wenn du in Bewegung bleibst.

Unsere Mutter hat es nie erfahren. Das glaubten wir jedenfalls vierzig Jahre lang - bis zum Nachmittag ihres neunzigsten Geburtstags, als sie ihre Tasse abstellte und ganz beilĂ€ufig fragte, ob wir den Fluss immer noch fĂŒr ein Geheimnis hielten. MĂŒtter, das habe ich gelernt, fĂŒhren ein Archiv ĂŒber alles. Dieses Buch ist meines.

Jedes Kapitel entsteht aus den eigenen Worten Ihrer Eltern, mit ihrer eigenen Stimme - und wird dann poliert, bis es so klingt, wie sie es immer verdient haben.